Polizeinotruf in dringenden Fällen: 110

Menu

Content

Das Ende der (realen) Welt

Der Barcode, den jedes IT-Asservat trägt, wird eingescannt, jegliche Information unter dem Vier-Augen-Prinzip genau protokolliert.
Das Ende der (realen) Welt
Forensik Cloud am Beispiel Borken: wie Datenspezialisten als Rückgrat für polizeiliche Ermittlungen agieren.
Streife-Redaktion

Humor haben sie, die Mitarbeiter des Kriminalkommissariats 12 der Kreispolizeibehörde in Borken: Am Eingang zu ihrer „IuK-EU“-Dienststelle (steht für: Informations- und Kommunikationstechnik-Ermittlungsunterstützung) weist ein kleiner gelber Aufkleber darauf hin, dass „die reale Welt hier endet – und der Ponyhof in zwei Metern beginnt“. Doch mit Rössern, Heu und Co. haben die (aktuell) sieben Männer selbstverständlich nichts zu tun. Sie stemmen vielmehr eine Arbeit, die zumeist im Hintergrund stattfindet. Eine Arbeit, die häufig das unsichtbare Rückgrat erfolgreicher polizeilicher Ermittlungen bildet: die Sicherung und Aufbereitung von Daten.

Die Beschäftigten des KK 12 in der westfälischen Kreisstadt sind profilierte Experten auf diesem Gebiet. Sie (wie ihre Kollegen in anderen Dienststellen) sind in verschiedenen Phasen der Ermittlungen mit im Boot – von der Vorbereitung einer Durchsuchung bis zur Frage, wie die Daten aus sichergestellten Computern, Laptops, USB-Sticks oder Tablets in einer Form bei den zuständigen Sachbearbeitern auf den Tisch kommen, mit der diese etwas anfangen können. Wie unterschiedlich die Verfahren auch sein mögen – eine Sache ist überall im Land gleich: Die Menge an auszuwertenden Informationen steigt Jahr für Jahr an. Wo früher Megabyte auf die Ermittler warteten, bewegt man sich heute im Terabyte-Bereich. Christoph Schikora, Diplom-Informatiker und zuständig für die Sicherung von Mobiltelefonen im Borkener Team, berichtet aus der Praxis: „Bei uns war die Datenmenge auf den gesicherten Handys in 2021 fast genauso groß wie die in den Jahren 2019 und 2020 zusammen.“

Die IT-Fachleute sind in ganz unterschiedliche Ermittlungen involviert. „Die Liste reicht von Überwachungskameras nach Tankstellen-Überfällen über alle Arten von Cybercrime oder Bedrohungs-E-Mails und Drogenverkauf übers Internet bis hin zu Handynutzung bei Verkehrsunfällen“, sagt Schikoras Kollege Joachim Stüken, der ebenfalls Informatiker ist. Egal ob Tötungsdelikte, Beschaffungskriminalität oder Prostitution – fast immer spielen IT-Asservate eine wichtige Rolle. Stüken: „Wir haben verfahrensrelevante Daten gefunden, die Täter beispielsweise in virtuellen Welten, in bestimmten Teilen des Internets wie dem Tor-Netzwerk oder auf Spielekonsolen hinterlassen haben.“

Die Spezialisten aus Borken haben einen ganz eigenen Weg entwickelt, wie intern mit sichergestellten IT-Asservaten umgegangen wird. So werden gleich im ersten Raum hinter dem Eingang Handys, Laptops und Co., die etwa Kollegen des benachbarten KK 11 sichergestellt haben, in Empfang genommen. Dabei wird der Barcode, den jedes Asservat trägt, eingescannt, jegliche Information unter dem Vier-Augen-Prinzip genau protokolliert. „Wir haben eine eigens programmierte Verwaltungsdatenbank mit Eingabemaske entwickelt, mit der wir den Status jedes IT-Asservats, unter anderem auch den Standort und die gesicherten Datenmengen, für statistische Zwecke dokumentieren können“, beschreibt Kriminalkommissar Sebastian Pettau das innovative Vorgehen.

Gegenüber vom Empfang liegt der Laborraum, auch „Schrauberraum“ genannt. Hier werden die Asservate gesichert und wenn nötig auseinandergebaut, um zum Beispiel an die Datenträger und ihre Inhalte zu gelangen. „Für die weitere Bearbeitung verwenden wir nie die Original-Datenträger, sondern schaffen immer ein forensisches 1:1-Abbild der Daten, das dann im Verlauf der Ermittlungen benutzt wird“, erläutert Informatiker Christoph Schikora. Die Bilder, Infos und Filme auf diesen Kopien „werden von uns in einer Weise aufbereitet, dass der zuständige Sachbearbeiter so wenig Arbeit wie möglich damit hat“, betont Sebastian Pettau.

Durch die Ermittlungsarbeit entstehen oft gute Hinweise, die direkt an die IT-Fachleute weitergegeben werden und ihnen bei der Analyse, Suche und Zusammenstellung helfen. Auch amüsante Zufallsfunde hat es schon gegeben, wenn etwa das Smartphone, das in einem Betäubungsmittelfall sichergestellt wurde, noch ganz andere Straftaten enthüllt. Der Kriminalkommissar: „Wir hatten auch schon mal den Fall, dass die Bildergalerie im Handy von den Selbstporträts mit einem geklauten Ortsschild geschmückt wurde.“ Da gab es einen entsprechenden Hinweis. Aber auch hier gilt – wie in allen Fällen: Pettau und seine Kollegen sichern „nur“ die Daten und bereiten sie auf. Die weiteren Ermittlungen übernehmen andere.

Die Vorarbeit, die „Arbeit dahinter“, stemmt in NRW im Bereich Kinderpornografie seit einiger Zeit die Forensik Cloud im Düsseldorfer Landeskriminalamt. „Wir bekommen Daten aus den einzelnen Behörden und prozessieren sie mit unserem Team“, erläutert Benno Krause, Leiter Forensik Cloud im Dezernat 41 des LKA. „Auf diese Weise holen wir für jeden Ermittler vor Ort das bestmögliche Ergebnis aus dem sichergestellten Material heraus. Wir nehmen ihnen die IT-forensische Standardarbeit ab, die viel Zeit kostet. Dadurch ermöglichen wir den Behörden, einen Fokus auf herausfordernde Einzelvorgänge zu legen.“ Nach langen und aufwendigen Vorbereitungen durch das Projekt TVH (Telekommunikationsüberwachungsanlage der nächsten Generation sowie Videoüberwachungssystem zur technischen Unterstützung von Observationsmaßnahmen der Spezialeinheiten und hybride und integrative Plattform Polizeiliche Sondernetze) sowie den Erfahrungen im Missbrauchsfall Lügde ging es im April 2020 offiziell mit sechs Behörden los, seit einigen Monaten sind alle im Land mit von der Partie. Die Forensik Cloud ist in zwei Bereiche (Datenaufbereitung sowie Administration und Technik) unterteilt und kommt aktuell auf 19 Mitarbeiter – sowie neun offene Stellen. Kriminalhauptkommissar Krause: „Derzeit beschränken wir uns auf das Thema Missbrauchsdarstellung (KiPo), aber perspektivisch ist eine Ausweitung unseres Angebots auch auf andere Deliktfelder eine Überlegung.“

Ohne Frage ist die Polizei NRW mit diesem Ansatz bundesweit führend. Abschauen können sich die Forensik-Cloud-Köpfe kaum etwas. In Zusammenarbeit mit dem HiPoS-Projekt (TVH) des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste (ZSPD) müssen sie sich vieles selbst erarbeiten und entwickeln. Klar ist aber auch: Das gelang und gelingt nicht ohne Input von Behörden aus allen Teilen des Landes. Es sind innovative Mitstreiter wie die in Borken, die „die Arbeit dahinter“ kontinuierlich ein Stück weit besser machen.

In dringenden Fällen: Polizeinotruf 110